Sisyphos, oder die Freiheit

Gestern sah ich den kleinen Gauner Sisyphos, der es mit den Göttern aufnehmen wollte und fürchterlich bestraft wurde. Sah wie er mit äußerster Anstrengung einen schier unmenschlich schwer erscheinenden Felsbrocken bergauf schob. Wie er ächzte, wie er schwitzte. Seine Muskeln und Sehnen zum Zerreißen gespannt. Wie er ohne Pause, den Blick vom Gipfel gebannt, manchmal nur wie in Trance mühsam vorwärts, aufwärts kam. Ich konnte ihm nicht helfen. Gebannt verfolgte ich seinen endlos erscheinenden Weg. Doch schließlich gelangten wir zum Gipfel. Der Mühsal Lohn zum greifen nah, geschah das Unfassbare, Grausame, Unmenschliche. Sisyphos strauchelte, dem Fluch der Götter entsprechend, der Fels entglitt seinen Händen. Nur kurz sah ich den demutsvollen Blick seiner Augen, schon starrte ich gebannt auf den Fels, der sich mit Urgewalt seinen Weg, einer Lawine gleich, in die Tiefe brach. Alles umsonst!

Als wäre auch ich verflucht, zum hilflosen Zuschauer verbannt, begleitete ich  Sisyphos immer wieder bei seinem sinnlosen Tun. Sah sein Mühen und Kämpfen, sein Scheitern. Ich verlor jegliches Gefühl für Raum und Zeit und es erschien mir, als würde Sisyphos immer selbstverständlicher, ja spielerischer mit seiner Aufgabe fertig. Sicher narrte mich mein Blick, verwirrt von der immer gleichen Fron. Fast sah es aus, als bewegte sich Sisyphos wie ein himmlischer Tänzer entlang einer göttlichen Choreographie. Auch der Moment des  programmierten Scheiterns veränderte seinen Charakter. Mir war als ob Sisyphos im letzten Moment voll konzentriert ein wenig zur Seite trat und mein Blick ruhte länger als sonst in seinen Augen. Ich sah wie immer Demut, aber auch ein Hauch von Würde und Stolz.

Ab jetzt konzentrierte auch ich mich immer mehr auf diesen letzten Augenblick. Sah das fast unmerkliche ZurSeiteTreten. Sah ihn rundum einen schnellen Blick werfen, ob ihn auch die Götter nicht beobachteten. Sah sogar, wie er dem Fels beim Hinabstürzen noch einen kräftigen Stoß gab und hörte dann schon das vertraute Echo einer mit unbändiger Kraft abwärts donnernden Steinlawine

– und ich verstehe! Alles Umsonst?

- Nein!

Der alte Gauner Sisyphos hatte sich verwandelt und heute bin ich gewandelt. Mein geliebter Bruder Sisyphos verleiht mir, was er mühsam erkämpft. Schenkt mir das Größte, was einem Menschen geschenkt werden kann – die FREIHEIT!

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Eine Antwort auf Sisyphos, oder die Freiheit

  1. Dorothee Sehrt-Irrek sagt:

    Lieber Reinhard
    Sisyphos lässt mich nicht los.
    Ich stimme Dir zu, dass er uns die Freiheit schenkte, in der Auseinandersetzung mit unserem Schicksal, all dem was uns berechtigt und unberechtigt in die Quere kommt.
    Zum Schluss hat Sisyphos denke ich die Mauern des Schicksals durchschritten, wie ?, das dürfte bei jedem einzelnen anders aussehen.
    Dennoch möchte ich bei seinem Leiden ansetzen, nicht bei seiner Fahigkeit zur Freiheit.
    Dieses Leiden hat er glaube ich entsprechend der griechischen Mythologie verdient, sofern es Göttern gestattet ist zu richten.
    Was aber hat er nicht?
    Er hat keine Hilfe.
    Darüber sinne ich aber nach, weil Un-Taten nicht dem Hirn eines Einzelnen entspringen, sondern in der Begegnung und Auseinandersetzung mit anderen und weil mir Strafe so hilflos vorkommt.
    Ich möchte Menschen geheilt sehen und in der Lage, behütet durch das Leben zu strömen, durch das Universum etc.
    Strafe schützt naturlich potentielle Opfer, denn der “Täter” lernt in dieser Zeit , bzw. sollte lernen, sich wieder in den Strom des Lebens einzugeben, zu-zuordnen.
    Aber alles was ich tue oder mir angetan wird, hinterlässt Spuren.
    Unsere Hülle, die wir mit allem Anderen teilen, kann sich verformen, destabilisiert werden.
    Das könnte zum Beispiel Krebs sein, Wucherungen in denen unsere Hülle anderem nicht mehr standhält.
    Wie nun stabilisiert man Hülle, so oder so, denn sie kann ja auch zu dick werden und nichts mehr hereinlassen?
    Anfangs dachte ich, es sei mit Natrium Muriaticum getan, denn es stabilisiert unsere “Geteiltheit” bzw. “Aufgeteiltheit” – es gibt nicht nur die jeweils eine Person, sondern sie existiert in einem großen lebendigen Universum – oder wie immer auch das Gegenteil, unsere Zusammensetzung aus Mann und Frau.
    Ich habe das Mittel in C 30 jahrzehntelang genommen, aber in Bezug auf einen Punkt hat es grundsätzlich nur mittelbar gewirkt.
    Es gab immer eine Grenze, die ähnlich wie bei Sisyphos letztendlich keine Grenze mehr gewesen wäre, aber wie ich mit der Zeit feststellen konnte, bei mir das eigentlich Problem war, denn innerhalb dieser Hülle ging es mir auch ohne Natrium Muriaticum gut.
    Ich habe alle Symptome im Kopf behalten, die ich so als “Grenzerfahrungen” zu Natrium Muriaticum erkennen konnte und kam dann auf das “Grenzmittel” Acidum Aceticum, das ich seither in C 30 nehme.
    An einer Stelle las ich, dass dieses Mittel auch eine Linie hin zu Natrium Muriaticum hat, was ich bestätigen würde, da es mittelbar auf diesen Bereich einwirkt.
    Du erinnerst Dich vielleicht, ich sprach zu Dir von einem Aversmittel, was aber nur den einen Tatbestand in ein Wort fasst, es sei denn, man definiert es in beide Richtungen, nach Innen und von Innen.
    So wie NaCL den Taufspruch erneuert, den Nietzsche sprach “Alle Wesen sind getauft am Born der Ewigkeit”, so spricht das Aversmittel meiner Meinung nach “Du darfst `wesen´, entsprechend deinem Wesen.
    Homöopathische Dosen, die direkt mein Wesen ansprechen verhindern, dass etwas passiert mit mir, das mein Wesen nicht steuern kann.
    Die Allopathie muss die richtige Dosis finden, was nicht einfach ist und ständig überprüfen.
    Ich werde dieses Grenzmittel weiterhin an mir erforschen, es ist nur in bezug auf die Grenzerfahrung spezifischer als alle anderen homöopathischen Mittel.
    Jedes homöopathische Mittel, wenn es denn “Grenzen” aufzeigt, leistet die Arbeit in Bezug auf die Grenze.
    Was leistet die Anthroposophie in bezug auf die Hülle, die Grenze, von mir aus den Übergang zum jeweils anderen?
    Wie denkt man Individualität in der Anthroposophie?
    Deine Dorothee

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