Mein Weg zur Anthroposophie

Mein Weg zur Anthroposophie

Bis ich 28 Jahre alt war, hatte ich noch nie etwas von Anthroposophie gehört. Allerdings hatte ich schon meine Protestphase hinter mir, in der ich mich bei den verschiedensten Weltanschauungen umschaute, ob sie mir denn ein geistiges Zuhause bieten könnten. Egal welche Richtung ich ausprobierte – immer hatte ich das Gefühl zwischen den Stühlen zu sitzen. Mit 14 Jahren las ich die Bhagavad Gita, dann den Koran und auch das Buch Mormon, bevor ich mir das Alte Testament vornahm – immer mit dem gleichen Ergebnis, ich landete zwischen den Stühlen. Enttäuscht wandte ich mich von den Religionen ab. So lernte ich nacheinander, und auch in dieser Reihenfolge, den Atheismus, den Kommunismus und den Anarchismus kennen. Auch dort fand ich nicht das Passende. Inzwischen war ich ca. 28 Jahre alt und begeisterte mich für die 68er Bewegung. Meine Kinder gingen in einen antiautoritären Kinderladen und ich war glücklich – meine Kinder nicht!

Auf der Suche nach dem Glück für meine Kinder landeten wir schließlich auch in einem Waldorf-Kindergarten und fortan waren meine Kinder wie ausgetauscht. Sie erzählten mit großen Gesten, wachem Blick und strahlenden Augen von ihren Erlebnissen im Kindergarten – nur ich fand die Erziehungspraxis, die anderen Eltern und überhaupt alles zum … gern haben.

Aber das Glück meiner Kinder ließ mir keine Ruhe und ich begann Rudolf Steiner (den Begründer der Anthroposophie) zu studieren. Hin und her gerissen zwischen intellektueller Hochachtung und herzlichster Antipathie, hatten diesmal nur die Steiner-Bücher zu leiden – bis etwas schreckliches passierte: Vor meinem geistigen Auge tauchte ein wunderschöner großer Opa-Ohren-Sessel auf und an dem Sessel (im Bogen über der Kopflehne) war ein goldenes Schild befestigt, auf dem stand: Maßanfertigung, reserviert für Reinhard Sehrt! Und ich bekam panische Angst – DIES sollte mein geistiges Zuhause sein? Nein! Und nochmals Nein! Nicht bei diesen Versteinerten und Scheuklappen-Anthroposophen! In meiner Verzweifelung wandte ich mich den Naturreligionen, dem Schamanismus und schließlich auch dem Buddhismus zu – parallel studierte ich aber immer weiter Steiner – und landete mitten in der Esoterik-Szene. Inzwischen gab es schon kleine Fortschritte auf der Suche nach meinem geistigen Zuhause. Ich saß richtig auf den Stühlen und nicht mehr dazwischen, aber sie zwickten und zwackten mich im laufe der vielen Jahre. Mittlerweile  hatten alle meine Kinder die Waldorfschule durchlaufen und der Opa-Ohren-Sessel war zu einem festen Bestandteil meiner Alpträume geworden. Ich war mir nun immer sicherer, dass solch ein Sessel wohl jedem Anthroposophen früher oder später erschienen ist und wer den Fehler machte, sich zu früh auf ihn zu setzen, wurde zu einem versteinerten Scheuklappen-Anthroposophen.

In der Zeit um mein 50. Lebensjahr stand ich vor der Entscheidung entweder eine konventionelle – oder eine anthroposophische Kur zu beantragen. Sehr schweren Herzens entschloss ich mich zu der anthroposophischen Kur auf Schloss Hamborn bei Paderborn und im Taxi zwischen Bahnhof und Kurgebäude – genauer auf dem letzten Hügel, mit einem schönen Überblick zum Sanatorium – geschah ein kleines Wunder. Ein warme Gefühl ergriff meinen Geist, meine Seele und meinen Körper und ich wusste – in so einem Haus, mit seinen „appen Ecken“ bin ich Zuhause. Und noch ein zweites Wunder geschah. Bis heute kann ich mich, wenn ich müde bin, in meinen Opa-Ohren-Sessel setzen, Kraft tanken und frei wieder aufstehen um mich und meine Welt weiter zu entdecken.

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5 Antworten auf Mein Weg zur Anthroposophie

  1. Ralph Boes sagt:

    So eine liebevolle, schöne Beschreibung :-) Danke!

  2. Dorothee Sehrt-Irrek sagt:

    Das ist eine wunderschöne Beschreibung und zugegeben, wenn ich auch meist kritisch-intellektuell vor, neben etc. der Anthroposophie stehe, mich überrascht immer wieder diese Wärme, die mir z.B. in der anthroposophischen Klinik Havelland, Berlin aufgefallen ist oder bei derart angehauchten ÄrztInnen.
    Dennoch bräuchte ich für die Anthroposophie noch Anleitung.
    Danke für die Darstellung.

    • Reinhard Sehrt sagt:

      Die meisten Menschen brauchen zum Einstieg ein Schlüsselerlebnis, weil gerade der Einstieg so schwer ist, muß man doch viele alte Denkgewohnheiten und Bewertungen kritisch hinterfragen lernen.

      • Dorothee Sehrt-Irrek sagt:

        Ich habe mich erst an meinen politischen Traumata abarbeiten müssen. Eigentlich dachte ich, dies würde meine Lebensspanne überschreiten. Das wird es auch. Gott sei Dank gibt es dazu immer neue Versuche und Deutungen.
        Für mich selbst schliesst sich aber dieses Betätigungsfeld immer mehr, auch weil Erinnerungen stärker werden aus meinem Leben.
        Da hatte ich früh das Glück, Anthroposophie im weitesten Sinne gelebt zu sehen, durch starke Persönlichkeiten, die nicht ängstlich auf die Meriten und Ansprüche von Wissenschaft schauten.
        Das ist für mich ganz wichtig gewesen, da ich zu Hause die Entwicklungen meiner Mutter und Geschwister nicht mitbekommen habe….Reiki, Chi Gong etc.
        Gerade mal habe ich etwas Zeit, der Sommer bildet sich langsam aus und das Hochwasser – eine ganz starke Begegnung, nicht nur negativ – zieht sich zurück.
        Werke von Steiner habe ich damals für die Ernährung und medizinische Begleitung meiner Kinder gelesen.
        Ich möchte das alles sacken lassen und ein bisschen – hin und wieder – lesen, welche Gedanken Du ausbildest und weitergibst.
        Das Gedicht von Christian Morgenstern ist sehr schön. “Fusswaschung”.
        Mein Schlüsselerlebnis ist wohl das “all”abendliche Singen des Liedes “Der Mond ist aufgegangen”. Ich durfte auch mal Tenor und Bass singen.
        Das ist wohl mein Fundament, von der aus doch aber die Anthroposophie nicht verschlossen ist?

  3. Dorothee Sehrt-Irrek sagt:

    Da ich die Problematik des deutschen Idealismus ein bisschen hinter mir gelassen habe, fiel mein Blick wohlwollend auf eine Ausstellung, derzeit zu sehen im Hamburger Bahnhof in Berlin. Bilder und Interessantes zu Hilma af Klint.
    Zur Zeit lese ich den Katalog.
    Wie klug, dass Frau Klint erst so spät ihre Werke veröffentlichte, sie ahnte vielleicht den kruden Unsinn, der mit Spiritualismus, Theosophie und Anthroposophie gemacht werden konnte.
    Und ob sie sich dem entgegenstellen wollte…ich werde es hoffentlich bald besser wissen.
    Die Idee vieler männlicher Spiritualisten Anfang des 20. Jahrhunderts, dass sich der männliche Geist der weiblichen Erde zugewandt hatte, weshalb manche Vertreter Frauen aus Gruppen ausschlossen, ist wissenschaftlich nicht haltbar und führt zu Irrsinn.
    Stattdessen mussten die Frauen aufpassen mit ihren Versuchen nicht etwa “männliche” Bezirke zu beschreiten und des Wahnsinns oder der Mannweiberei verschrien zu werden.
    Nun, die Zeiten sind vorbei. Da scheint mir eine ganze Welt noch offen vor “mir” zu liegen.

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